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Rebecca und die letzten Atlantikmeilen

Freitag, 21. März: Rebecca steht ausdauernd am Ruder, eine Welle knallt von der Seite gegen ALOYs Rumpf und Gist spritzt an Deck. Die Steuerfrau warnt frühzeitig, lacht als ich nass werde und hält weiter Kurs West. Wir würden gerne abfallen, um die Wogen achterlicher anrollen zu lassen, aber südlich von uns verstecken sich schroffe Felsbuckel und die üppig grünen Hügel der Küste unter den regenschweren Wolken.

ALOY vier Mailen vor der Küste

Besuch Yuhui!

Hier, vier Meilen vor der Küste, verringert sich die Wassertiefe von einigen hundert auf gerade Mal fünfzig Meter. Die Wellen werden kürzer, brausen in rascher Folge an. Die eine oder andere Woge hält sich nicht an die vorgegebene Richtung, tanzt aus der Reihe und bremst ALOY aus, die heute in Rekordlaune mit sieben Knoten zurücksaust. Hat sie Stalldrang? Unser Reiseziel ist erneut die Panamarina, wo wir übers Wochenende einen Zwischenstopp einlegen werden, um unsere aktualisierte Segelerlaubnis für Panama abzuholen.

Esnasdup von oben (Foto von Sarah, Sailing Galatea)

Zwei fantastische und beklagenswert kurze Wochen in Guna Yala sind bereits um. Am 15. März ist ein Pangataxi in die Bucht vor Esnasdup eingebogen und hat Rebecca bei uns abgesetzt. Besuch aus der Heimat, was für eine Freude! Und dann erst noch ein wacker erprobtes Crewmitglied. Als wir alle noch von einer eigenen Ozeanyacht träumten, unternahmen wir zusammen Segeltörns auf dem Bodensee, dem Mittelmeer, Ijsselmeer und der Nordsee und übten das Seeleutehandwerk. Später halfen Rebecca und Marcel uns bei den Vorbereitungen an ALOY auf der Werft in Paimpol. Jetzt wollen wir mit ihr zusammen Guna Yala weiter erkunden.

Rebecca arbeitet an ALOY im Sommer 2023 | Rebecca im Urlaub auf Guna Yala

Nargana, Rio Diablo und die Hollandaise

Zusammen mit Rebecca ist auch Alex aus Finnland angereist, die auf unserer Nachbaryacht in der Bucht, der SOVMORGON abgesetzt wurde. Am kommenden Morgen fahren wir gemeinsam mit der finnischen Crew und unter der kundigen Führung von Susanne nach Nargana, spazieren durch das Gunadorf und kaufen Gemüse ein.

Gunadorf Nargana

Von Nargana aus fahren wir mit den Dinghys den Rio Diablo hinauf. Unterwegs begegnen uns immer wieder Einheimische, deren Boote mit Plastikbidons und Kanistern beladen sind. Weit oben im Fluss, wo das Wasser flach wird, füllen sie diese mit klarem Süsswasser, Trinkwasser für die Familien im Dorf. Wir tuckern ebenfalls flussaufwärts und halten Ausschau nach Papageien und Krokodilen, leider ohne Erfolg.

Rio Diablo

Am Abend bringen wir Susanne zurück nach Esnasdup und verabschieden uns schweren Herzens. Es geht weiter zu den Hollandaise, der vielleicht bekanntesten Inselgruppe auf San Blas. Es ist touristisch hier und zwar auf eine Art, wie man sich den tropischen Inselurlaub von zu Hause aus ausmalt. Auf den mit Kokospalmen bepflanzten Sandschollen gibt es eine Handvoll hübsch dekorierte und mit Palmwedeln gedeckte Holzhütten und keine Strassen oder Autos. Man geht barfuss über den hellen Sand. Feingeriebene Muschelreste knirschen zwischen den Zehen. An einer Strandbar kann man sich ein Balboa, das gute Panamabier, einen Cocktail oder eine Trinknuss kaufen. Mit den Drinks ausgestattet muss man durch hüfthohes Wasser waten, um eine der lauschigen Sitzgruppen zu erreichen, die für jeden Reiseblog ein gutes Foto hergeben.

Die Hollandaise, Guna Yala

SchnorchelN Mit Ammenhai

Wir liefern uns ein Beachvolleyball Match mit der Crew der Sovmorgon und verabreden uns für Colon. Am nächsten Tag ziehen wir eine Bucht weiter, wo es keine Bars und Sitzgruppen gibt, dafür türkisfarbene Weite. Rebecca wagt sich trotz Fischphobie mit dem Schnorchel unter Wasser und freundet sich schüchtern mit ein paar kleinen Rifffischen an.

Hirnkoralle | Karibische Fächerkoralle | kleiner Rifffisch zwischen Korallen

René und ich sind bereits seit Tagen mit Flossen und Taucherbrillen an den Riffs unterwegs, staunen über grosse karibische Fächerkorallen und Hirnkorallen, erspähen einen Stachelrochen und mehrere Ammenhaie. Im Gegensatz zu einigen anderen Arten müssen Ammenhaie nicht ständig schwimmen, um zu atmen. Sie ruhen gerne versteckt unter Felsen. Ihre Beute saugen sie aus Ritzen und Spalten. Ammenhaie gelten als relativ harmlos. Vermutlich gerade deshalb kommt es immer wieder zu Unfällen mit den Tieren. Taucher:innen meinen, man könne die «braven» Tiere streicheln. Die Haie sehen schlecht und fühlen sich bedroht, sodass sie zuschnappen. Eigentlich ist klar: man muss den Meereselebewesen Platz lassen und darf sie nicht anfassen! 

Ammenhai versteckt unter Hirnkoralle

Atlantik im Kielwasser

Die Zeit, die wir in Guna Yala verbringen können, kommt uns viel zu kurz vor, aber ausdehnen lässt sie sich nicht mehr. Wir haben einen wichtigen Termin. Am 27. März soll ALOY durch den Panamakanal geschleust werden. Wir verabschieden uns vom Inselparadies und lichten früh am Freitagmorgen den Anker.

Illy und René in Guna Yala (Fotos von Rebecca)

Nach einem Zwischenstopp in der Panamarina brechen wir am Montag, 24. März zur letzten Atlantikpassage auf, dreissig Seemeilen nach Colon, die gemütlich ausfallen. Vor der Kanalstadt führt ALOYs Route durch das Ankerfeld der Frachtschiffe und wir geben sorgfältig acht, ausreichend Abstand von fahrenden Ungetümen zu halten.

Frachter vor Colon

Ich funke die Christobal Signal Station an und bitte um die Erlaubnis zwischen den beiden langen Wellenbrechern in die geschützte Kanalzone einfahren zu dürfen. Diese wird gewährt, solange wir uns an der Steuerbordseite halten und das Fahrwasser für die Grossschifffahrt frei bleibt. Hinter dem Wellenbrecher befindet sich auch die Shelter Bay Marina, in der wir drei Nächte gebucht haben, um die letzten Vorbereitungen für die Kanaldurchfahrt zu treffen. Der Atlantik liegt nach mehr als achttausend zurückgelegten Meilen und eineinhalb Jahren hinter uns.

Sonnenuntergang über dem Atlantik (2023) | Sonnenuntergang vor Esnasdup

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Kommentare: 1
  • #1

    Haunis (Sonntag, 30 März 2025 22:00)

    Ein richtiger Cliffhanger… Drücken euch die Daumen für die Durchfahrt!